Was erfolgreiche Projekte gemeinsam haben
Die vier Prinzipien wirken auf den ersten Blick unabhängig voneinander. Tatsächlich greifen sie ineinander und bilden gemeinsam ein Muster, das sich in erfolgreichen Projekten unterschiedlichster Branchen immer wieder beobachten lässt.
Als ich den Artikel über Frank Gehry zum ersten Mal gelesen habe, war ich überzeugt, vier voneinander unabhängige Prinzipien kennenzulernen.
- Verantwortung.
- Ein gemeinsames Ziel.
- Modelle.
- Gründliche Planung.
Je länger ich mich jedoch mit diesen Gedanken beschäftigte – und je häufiger ich sie mit eigenen Projekterfahrungen verglich –, desto deutlicher wurde mir, dass sie sich eigentlich nicht voneinander trennen lassen. Sie beschreiben keine vier Methoden. Sie beschreiben vier Perspektiven auf dieselbe Grundidee.
Außergewöhnlich erfolgreiche Projekte versuchen nicht, Unsicherheit zu vermeiden. Sie machen Unsicherheit früh sichtbar.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Gemeinsamkeit erfolgreicher Projekte. Sie akzeptieren, dass komplexe Vorhaben nie vollständig planbar sein werden. Aber sie investieren außergewöhnlich viel Energie darin, möglichst früh zu erkennen, wo Unsicherheit entsteht, warum sie entsteht und welche Konsequenzen sie später haben könnte.
Je früher das gelingt, desto geringer werden die Kosten einer Korrektur.
Dieser Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch alle vier Prinzipien.
- Verantwortung sorgt dafür, dass Entscheidungen nicht zwischen Organisationseinheiten verloren gehen.
- Ein gemeinsames Ziel verhindert, dass Teams an unterschiedlichen Vorstellungen arbeiten.
- Modelle machen sichtbar, worüber bisher nur gesprochen wurde.
- Und eine gründliche Vorbereitung reduziert die Wahrscheinlichkeit, dass grundlegende Fragen erst während der Umsetzung beantwortet werden müssen.
Für sich genommen wirken diese Prinzipien fast selbstverständlich. Ihre eigentliche Stärke entsteht jedoch erst im Zusammenspiel. Denn sie bauen aufeinander auf.
- Ein gemeinsames Ziel ohne klare Verantwortung bleibt häufig folgenlos.
- Verantwortung ohne gemeinsames Verständnis führt zu gut gemeinten Entscheidungen, die unterschiedliche Richtungen einschlagen.
- Modelle ohne klares Ziel bleiben schöne Visualisierungen.
- Und ein detaillierter Projektplan verliert schnell an Wert, wenn die zugrunde liegenden Annahmen nie gemeinsam überprüft wurden.
Vielleicht erklärt genau diese Reihenfolge, warum manche Projekte trotz hoher Komplexität erstaunlich ruhig verlaufen. Einfach weil viele schwierige Gespräche bereits geführt wurden, bevor die eigentliche Umsetzung beginnt.
Warum erfolgreiche Projekte nicht von Methoden abhängen
Wenn heute über erfolgreiches Projektmanagement gesprochen wird, stehen häufig Methoden im Mittelpunkt.
- Agil oder klassisch.
- Scrum oder PRINCE2.
- PMI oder SAFe.
Diese Diskussionen sind wichtig. Sie beantworten jedoch aus meiner Sicht die falsche Frage. Methoden beschreiben, wieProjekte organisiert werden.
Die entscheidendere Frage lautet jedoch: Welche Prinzipien bleiben erfolgreich – unabhängig von der Methode?
Genau dort beginnt aus meiner Sicht die spannendste Erkenntnis dieses Artikels.
- Ob ein Gebäude entsteht.
- Eine internationale SAP-Transformation durchgeführt wird.
- Eine Cloud-Plattform eingeführt wird.
- Oder eine Organisation einen tiefgreifenden Wandel erlebt.
Die Werkzeuge unterscheiden sich. Die Prinzipien erstaunlich wenig.
Menschen brauchen Orientierung, sie brauchen Klarheit über Verantwortung, sie brauchen ein gemeinsames Verständnis. Und sie brauchen den Mut, Unsicherheiten sichtbar zu machen, bevor daraus Risiken werden.
Vielleicht besteht genau darin die eigentliche Aufgabe moderner Projektleitung. Nicht darin, auf jede Frage sofort eine Antwort zu haben. Sondern die richtigen Fragen früh genug zu stellen.
Je länger ich Projekte begleite, desto weniger glaube ich an perfekte Projektpläne. Ich glaube an gute Gespräche, an gemeinsame Bilder, an verantwortete Entscheidungen und an Teams, die bereit sind, ihre eigenen Annahmen immer wieder zu hinterfragen.
Die meisten Projekte scheitern nicht während der Umsetzung. Sie scheitern bereits in der Art, wie sie beginnen.
Genau das ist die wichtigste Erkenntnis, die ich aus Frank Gehrys Arbeitsweise mitgenommen habe.
Seine Haltung, schwierige Fragen möglichst früh zu stellen – weil sie später deutlich teurer werden. Diese Haltung lässt sich nicht nur auf Bauprojekte übertragen. Sie beschreibt aus meiner Sicht eines der universellen Prinzipien erfolgreicher Projekte.
Und genau deshalb lohnt sich der Blick über die eigene Disziplin hinaus. Denn manchmal finden wir die besten Antworten genau dort, wo wir sie ursprünglich gar nicht gesucht haben.
Drei Fragen, die erfolgreiche Projekte früher stellen
Vielleicht müssen Sie diese Fragen nicht sofort beantworten. Manchmal reicht es, sie mit in Ihr nächstes Kick-off zu nehmen. Gute Frage können mehr bewirken als ein weiterer Projektplan.
1. Würden alle Beteiligten dasselbe Projekt beschreiben?
Wenn Sie fünf Schlüsselpersonen unabhängig voneinander fragen würden, woran der Projekterfolg gemessen wird – wie ähnlich wären die Antworten wirklich?
2. Welche Annahmen gelten in Ihrem Projekt bereits als selbstverständlich?
Jedes Projekt baut auf Annahmen auf. Die gefährlichsten Annahmen sind selten die falschen, es sind diejenigen, die niemand mehr hinterfragt. Welche Annahme würde Ihr Projekt am stärksten verändern, wenn sie sich morgen als falsch herausstellt?
3. Welche schwierige Frage verschieben Sie gerade?
Fast jedes Projekt kennt Themen, über die „später“ gesprochen werden soll. Die Erfahrung zeigt: Diese Fragen verschwinden selten. Sie werden meistens nur teurer. Vielleicht lohnt es sich deshalb, genau mit dieser einen Frage in das nächste Projektmeeting zu gehen.
Ausblick
Dieser Beitrag bildet den Auftakt einer Artikelserie über erfolgreiches Projektmanagement.
In den kommenden Artikeln werden wir die hier vorgestellten Prinzipien Schritt für Schritt vertiefen. Im Mittelpunkt stehen dabei keine neuen Methoden oder Frameworks, sondern grundlegende Fragen, die sich in nahezu jedem anspruchsvollen Projekt stellen.
Unter anderem beschäftigen wir uns damit,
- warum gute Planung lange vor dem eigentlichen Projektplan beginnt,
- weshalb präzise Schätzungen trotzdem falsch sein können,
- welche Rolle Modelle und Prototypen für gemeinsames Verständnis spielen,
- wie Verantwortung und Kommunikation den Projekterfolg beeinflussen,
- und was wir von außergewöhnlich erfolgreichen Großprojekten für den Führungsalltag lernen können.
Den Abschluss der Serie bildet die Frage, welche dieser Prinzipien auch im Zeitalter von KI Bestand haben – und welche sich gerade erst neu entfalten.
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